Von Normalität weit entfernt

Gerade erst hat die Jugendakademie Walberberg ihren Betrieb wieder aufnehmen dürfen – unter engen Vorgaben. Doch sind noch viele Fragen offen. Ein Interview mit Reinhard Griep, Leiter und Geschäftsführer der Jugendakademie.

Die Jugendakademie Walberberg im rheinländischen Bornheim setzt einen deutlichen Schwerpunkt auf das Thema Nachhaltigkeit. Das Konzept zieht sich durch das ganze Haus, die Umweltzertifizierung „Der Grüne Hahn“ zeugt davon. In den 55 Jahren ihres Bestehens hat sie sich einen guten Ruf in der Region erworben, viele Einrichtungen, Schulen, Verbände und Gemeinden im Köln-Bonner Raum arbeiten mit ihr zusammen.
Die Angebote der Jugendakademie richten sich insbesondere an bildungsbenachteiligte Jugendliche, dazu kooperiert das AKSB-Mitglied zum Beispiel mit Förderschulen in den internationalen Jugendbegegnungen. Und das aktuelle Projekt „Europa für alle“ hat das Ziel, besonders dieser Zielgruppe einen europäischen Freiwilligendienst zu ermöglichen.

In der Regel tagen in der Jugendakademie Walberberg drei bis vier Gruppen parallel, so dass bis zu 400 Jugendliche im Monat an den Angeboten teilnehmen. Hinzu kommen Gruppen am Wochenende und Gruppen, die den Seilgarten nutzen oder gerade an einer Jugendbegegnung im Ausland teilnehmen.

Mit den Vorgaben zur Eindämmung der Corona-Pandemie musste die Jugendakademie zunächst alle Angebote absagen. Leiter und Geschäftsführer Reinhard Griep spricht darüber, wie die vergangenen Wochen in der Jugendakademie verlaufen sind, welche Herausforderungen sich stellen und wie er die Zukunft der politischen Jugendbildung sieht.

Herr Griep, ab dem 17. Mai hat die Jugendakademie wieder Ihre Pforten geöffnet…
Ja, allerdings mit Einschränkungen. Vermutlich bis Pfingsten hat unser Haus vorerst für Gruppen mit Übernachtung geschlossen. Ob, beziehungsweise wie, diese danach ermöglicht werden kann, wird derzeit geklärt. Schulklassen werden frühestens nach den Sommerferien wieder ins Haus kommen und auch Gastgruppen werden in der Regel kleiner sein müssen als gewohnt, um den Auflagen zu entsprechen, Was das auch ökonomisch bedeutet, ist noch völlig offen.
Tagesgruppen ist der Aufenthalt unter Beachtung der Hygieneauflagen gestattet, ebenso ist die Nutzung der Seilgartenanlage unter bestimmten Bedingungen wieder möglich.

Was bedeutet das für die Jugendakademie und die Menschen, die dort arbeiten?
Gerade die vergangenen Wochen waren für die meisten Mitarbeitenden finanziell äußerst schwierig. Es sind Arbeitsplätze bedroht, viele Kolleg/-innen leben in der dörflichen Umgebung, wo das Arbeitsangebot auch zu anderen Zeiten eher überschaubar ist. Uns haben viele Solidaritätsbekundungen erreicht, verbunden mit der Sorge, ob wir die Krise gut überstehen, weil viele wissen, dass wir als selbständige Einrichtungen auch zu normalen Zeiten immer finanziell kämpfen müssen.

Wen hat die Schließung besonders betroffen?
Die Krise trifft besonders die Mitarbeiter/-innen in Küche und Reinigung, weil sie von der Schließung des Hauses sofort betroffen waren und zudem ihre Gehälter ohnehin kaum ausreichen. Für einige Kolleg/-innen in der Verwaltung bedeutet die Situation sogar Mehrarbeit. Im pädagogischen Bereich ist die Situation sehr unterschiedlich: während der internationale Bereich, besonders die bilateralen Jugendbegegnungen und die europäischen Freiwilligendienste, besonders betroffen sind und ein Neustart nicht vor nächstem Jahr vermutet wird, hoffen die Kolleg/-innen, die mit Schulen kooperieren, dass zumindest im Herbst ein vorsichtiger Neuanfang möglich wird. Besonders hart trifft es übrigens die Honorarkräfte, die als Studierende oft auf die Jobs angewiesen sind.
Vor allem fehlt die Lebendigkeit im Haus, das Lachen, Rufen, Rennen, Spielen und Diskutieren – mithin die Seele des Hauses.

Haben Sie Alternativen entwickelt, um über andere Wege Ihre Angebote aufrechtzuerhalten?
Ein erster größerer Versuch, über Zoom ein Seminar über mehrere Tage durchzuführen, war das traditionelle Osterseminar. Für und mit 70 Menschen vor verschiedenen Bildschirmen und am Telefon wurden auf verschiedenen Ebenen und Bühnen die jeweiligen Tage für ein paar Stunden gestaltet mit Texten, spirituellen Impulsen, Austauschrunden und der Feier der Kar- und Osterliturgie. Eine gelungene Form in einer besonderen Situation, die vielleicht aber auch nur bei diesem Traditionsseminar so möglich war. Interessant war, dass viele Jugendliche, die ansonsten gerne Ostern in die Jugendakademie kommen, hierzu keine Lust hatten: Wenn Ostern feiern, dann „richtig“ in der Jugendakademie.

Wie steht es um weitere Angebote?
Aktuell überlegen wir, ob und wie wir unsere Erzählcafés, die wir ansonsten zu unterschiedlichen Themen bei Kaffee und Kuchen an einem Sonntagnachmittag durchgeführt haben, digital anzubieten. Vorbild sind Webinare, die gerade vermehrt angeboten werden. Auch das wäre eine Form, den Kontakt insbesondere zu unseren Mitgliedern des Trägervereins oder des Fördervereins nicht zu verlieren und zu zeigen, dass es noch andere wichtige Themen gibt.

Wer entwickelt diese Überlegungen und Konzepte?
Um ansprechende digitale Formate für die außerschulische Bildungsarbeit zu entwickeln, brauchen wir viel Expertise und Kreativität. Gut, dass gerade die Infrastrukturstellen der AKSB aktuell dazu genutzt werden, diese zu entwickeln. Ich bin gespannt, was uns da noch erwartet. Aktuell kann ich mir entsprechende Formate nur in wenigen Projekten vorstellen und auch dort nur als ergänzende Elemente. Und eine andere Frage ist dabei auch noch nicht geklärt: Wie sollen oder können diese Formate fördertechnisch behandelt werden?

Gibt es zu den finanziellen Fragen Perspektiven?
Aktuell gibt es auf verschiedenen Ebenen (Bund und Land) Initiativen, die auf strukturelle Unterstützung angelegt sind. Hier gibt es vielversprechende Aktivitäten, die allerdings alle noch im Prozess sind. Auch die Soforthilfe des Landes NRW, die uns zugesagt wurde, ist bislang noch nicht angekommen. Was die entsprechende finanzielle Unterstützung betrifft, bin ich vorsichtig optimistisch, allerdings ist wohl die entscheidende Frage, wie lange die Krise dauert, das heißt für uns, wie lange wir keinen eigenen Beitrag zur Abfederung der Krise leisten können. Sehr hilfreich und unterstützend erlebe ich gerade in der politischen Lobbyarbeit die Dachverbände und politischen Vertretungen von AKSB, bap bis hin zum BDKJ – das kann eine Einrichtung alleine nicht leisten.

Ihre Bildungsarbeit richtet sich hauptsächlich an Jugendliche. Welche Herausforderungen sehen Sie für die politische Jugendbildung?
Je länger die Krise dauert, desto mehr gibt es Auswirkungen für die politische Jugendbildung. Welche Bedeutung hat diese Bildung, wenn es für die Jugendlichen kaum noch Orte gibt, wo sie ihre Meinungen, Ideen, Aktivitäten ausleben, diskutieren und ausprobieren können?
Das können wir gerade an der Klimafrage erleben. Einen Protesttag kann man noch digital veranstalten, aber weitere Aktionen?

Jugendliche müssen Orte haben, wo sie was erleben, anfassen, sehen können. Wenn diese Orte über längere Zeit ausfallen, hat das negative Auswirkungen auf unsere Demokratie. Der Rückzug in die eigenen vier Wände bedeutet auch eine Gefahr des gesellschaftlichen Rückzugs. Deshalb sind ja Jugendbildungsstätten wichtig, weil hier Jugendliche einen Ort haben, in dem sie sich ausprobieren können und ihre Meinung gefragt ist – mit allen Emotionen. Und das sie mit Themen und Meinungen konfrontiert werden, die man nicht einfach wegklicken kann.

Welche Lehre ziehen Sie für die außerschulische Jugendbildung aus der Corona-Pandemie?
Die Corona-Pandemie betrifft alle, wenn auch unterschiedlich hart. Die außerschulische Bildungsarbeit, besonders die politische Bildung, ist ein wichtiger Baustein in einem demokratischen Gemeinwesen. Nach Corona werden uns Themen wie Verteilungsgerechtigkeit oder Klimaschutz versus wirtschaftliches Investitionsprogramm sicher sehr stark beschäftigen. Daran müssen auch Jugendliche zum Beispiel in Angeboten einer Jugendbildungsstätte beteiligt werden. Die Bedeutung dieser Orte sollte erkannt und unterstützt werden. Keine demokratische Gesellschaft kann ohne das Engagement ihrer (jungen) Bürger überleben. Wir brauchen Akzeptanz, Wissen und Solidarität. Das ist eine Lehre aus der Corona-Pandemie.

Claudia Krupp

Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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