Scheinbar unscheinbare Schritte mit spürbaren Folgen und Effekten

Wie fängt man den langen Weg einer inklusiven Ausrichtung von politischer Bildung an? Erste Gehversuche der Münsteraner Akademie Franz-Hitze-Haus zeigen auf, was damit an Lernerfahrungen verbunden ist.

Es wirkt wie eine Binsenweisheit, wenn man sagt: Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Oder: Jeder hat mal klein angefangen.
Aber so banal und basal lässt es sich oft doch beschreiben. Wenn also Träger und Einrichtungen der politischen Bildung beginnen, sich für den Gedanken der Inklusion zu öffnen, sind es erst einmal scheinbar unscheinbare Entscheidungen und Einsätze, die am Anfang stehen. Was diese aber an Prozessen und Effekten auslösen, ist kaum vorherzusehen. Und diese lösen vielleicht weitere Prozesse und Effekte aus, die Dinge möglich machen, die bislang nicht denkbar waren.

So erging und ergeht es auch dem Franz-Hitze-Haus. Diese Münsteraner katholisch-soziale Akademie ist bislang, wenn man es so ehrlich ausspricht wie Dr. Christian Müller, baulich nicht ausreichend auf körperlich stark eingeschränkte Menschen ausgerichtet. Auch konzeptionell kommen vor allem Menschen mit geistiger Einschränkung nur ausnahmsweise vor, es gibt – bis auf den jährlichen großen Studientag „Behinderung und Glaube“ – kaum Angebote, die sie als Zielgruppe in den Blick nehmen. Das hat Christian Müller nicht zufriedengestellt.

Ein glücklicher Zufall führte dazu, dass er erste inklusive Gehversuche mit einer Eigenveranstaltung unternahm. Es flatterten gleich zwei Dokumente in seinen digitalen Briefkasten: eine Ausschreibung des AKSB-Projektes „Wie geht Demokratie?“ und ein Angebot eines Referenten, der mit Personen mit starken Lernschwierigkeiten arbeitet. Anlass bei beidem: das erstmalige Wahlrecht für 81.000 Menschen unter Vollbetreuung. Christian Müller packte diese Chance, neue Erfahrungen in der bildnerischen Arbeit zu sammeln, am Schopf, ohne genau zu wissen, was das bedeutet.

Eine Erfahrung weiter weiß der Fachbereichsleiter, was sich alles mit Konzeption, Organisation und Finanzierung solcher Formate verbindet. „Ich habe vielleicht mehr gelernt als die Teilnehmenden“, zieht er ein offenes Fazit. Ein paar Lernerfahrungen lassen sich verallgemeinern:

Was Christian Müller aber vor allem anderen mitgenommen hat: dass es dem Anspruch politischer Bildung gut zu Gesicht steht, wenn man auch die Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen in ihrer politischen Teilhabe befähigt und bestärkt. Er ist bis heute tief berührt von der Intensität, mit der die Teilnehmenden mit starken Lernschwierigkeiten bei dem Tagesseminar ihre Mitbestimmung einforderten. Was einem politischen Bildner im Prinzip und in der Theorie klar ist, wird durch geballte direkte Aussagen greifbar: Diese Menschen fühlen sich in ihrer Würde verletzt, wenn sie ausgegrenzt werden. Und sie begreifen es als Wertschätzung, wenn sie bewusst einbezogen werden wie durch ein solches Seminar, das sie nach ihren Meinungen und Werten fragt.

Insofern gibt es für Christian Müller kein Zurück auf dem Weg, den er begonnen hat. Dabei macht er sich angesichts schwieriger Rahmenbedingungen keine Illusionen. Kleine Schritte sind das, was er für die Fortführung in nächster Zeit denken kann. Fest vorgenommen hat sich der Fachbereichsleiter, das so eindrucksvoll verlaufene Format der Tagesveranstaltung einmal im Jahr zu wiederholen. Und er stellt an sich persönlich fest, dass die gar nicht so kleine Gruppe der Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen bei ihm jetzt beruflich im Hintergrund mitlaufen. Mehrere Gedanken und Vorhaben sind konkrete Früchte des Anfangsimpulses, das Soziale im Alltag einer katholisch-sozialen Akademie noch einmal anders zu unterstreichen. Zum Beispiel bei besonderen Veranstaltungen Gebärdendolmetscher einzusetzen. Oder bei thematisch sich auf Behinderung beziehenden Angeboten zu prüfen, ob sie nicht auch für die Zielgruppe selbst geöffnet werden können.


15. November 2021

Stefan Braun

Referent im Modellprojekt „Wie geht Demokratie?“ – inklusive politische Bildung

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