Wenn gegenseitiger Respekt im Seminar zur DNA der Teilnehmenden gehört

Ein zweitägiges Seminar mit Menschen mit starken Lernschwierigkeiten bereichert auch politische Bildner/innen. Dies unterstreichen Erfahrungen beim Franziskanischen Bildungswerk in Großkrotzenburg.

In zwei Tagen vermitteln, was eine Demokratie ausmacht und wie demokratische Wahlen ablaufen: Das bedeutet schon immer ein straffes Programm für die politische Bildnerin oder den politischen Bildner. Vor allem, wenn es nicht darum geht, reines Wissen zu reproduzieren, sondern im Seminar vielmehr über Werte und persönliche Präferenzen zu sprechen. Endgültig anspruchsvoll fällt eine solche Aufgabe aus, wenn zu den Teilnehmenden Menschen mit starken Lernschwierigkeiten zählen. Da gilt es, den Inhalt noch stärker als sonst auf das Wesentliche zu reduzieren, die Sprache einfach und nachvollziehbar zu halten, Spiele besonders nach konkreter Aussagekraft auszuwählen.

Ulrike Maqua hat Freude an dieser Herausforderung. In die Bildungsarbeit mit der besonderen Zielgruppe hat sich die Mitarbeiterin des Franziskanischen Bildungswerkes in Großkrotzenburg autodidaktisch hineingefuchst. Es gibt bislang, soweit ersichtlich, keine systematische Fortbildung für Fachkräfte der politischen Bildung. Aber ihre Erfahrung aus einem Seminar beim St.-Vincenz-Stift in Rüdesheim-Aulhausen ist: Sobald man begonnen hat, geht es wie von selbst weiter. Genauer betrachtet, ist die konkrete Seminararbeit sogar vergleichbar mit anderen Veranstaltungen. Mehr noch: Menschen mit starken Lernschwierigkeiten zeichnen sich oft durch ein Verhalten aus, das die Arbeit in der Gruppe erleichtert und fördert, unter dem Strich ruhiger und gelassener gestaltet. Die Teilnehmenden sind in der Regel geübt, sich zuzuhören, sind neugierig und diskussionsfreudig.

Dass das Gegenüber verschieden ist, ist für sie normal – das gilt auch für eine abweichende Meinung. Was in den Grundrechtsartikeln definiert ist, um Staat und Gesellschaft daran zu binden, gehört zum Selbstverständnis von Menschen mit starken Lernschwierigkeiten dazu. Geduldig miteinander umzugehen, um die Stärken und Schwächen des Gegenübers wissen und sie respektieren: So ein Seminar ist wie ein idealtypisches Reallabor gelebter Demokratie. Deshalb kann Ulrike Maqua nur empfehlen, einfach mal so ein Seminar durchzuführen, wie sie es im Rahmen des AKSB-Projektes „Wie geht Demokratie?“ getan hat. Die Erfahrungen, die man dabei macht, sind außeralltäglich, bereichern und motivieren. Der Einblick in die Lebenswirklichkeit der Teilnehmenden hilft, die eigene Sicht auf die Dinge zu erden, hält die Mitarbeiterin des Franziskanischen Bildungswerkes fest.

Methodisch hat sie sehr plastische Spiele ausgewählt, die eine Brücke bauen, sich über persönliche Bezüge zu Deutschland, zum Zusammenleben, zu Politik, Parteien und Wahlen zu unterhalten. Das geht besser, als man denkt, wenn einmal die gedankliche Verbindung geschlossen ist. Da kann das Beispiel einer Pizza helfen: Selbstbestimmung drückt sich darin aus, selbst zu bestimmen, was draufkommt und was auf keinen Fall. Die Programme der Parteien sind so gesehen wie die Speisekarte einer Pizzeria. Wie vielfältig sie ausfällt, beweist der Blick auf 25 Parteienlogos, welche auf dem Boden ausgelegt werden. In der Diskussion zeigt sich rasch, wie stark viele Teilnehmende von den politischen Prägungen ihrer Familie beeinflusst sind.

Hier zu einem eigenen Bild zu kommen, ist der nächste Schritt. Ulrike Maqua sieht an dieser Stelle auch die professionellen Betreuer/-innen gefordert. Diese partnerschaftlich einzubeziehen und fortzubilden in der politischen Bildung der Menschen mit starken Lernschwierigkeiten, könnte für eine nachhaltige Weiterarbeit im Projekt „Wie geht Demokratie?“ zielführend sein, sagt die Mitarbeiterin des Franziskanischen Bildungswerkes. Eine inklusive Ausrichtung der politischen Bildung braucht viele Zwischenschritte, die am besten gemeinsam getan werden. Die Betreuer/-innen können wertvolle Hinweise auf eine bestmögliche Vorbereitung geben und bei dem Grundanliegen helfen: die Menschen mit starken Lernschwierigkeiten in ihrer politischen Teilhabe zu fördern.


20. Oktober 2021

Stefan Braun

Referent im Modellprojekt „Wie geht Demokratie?“ – inklusive politische Bildung

0228 28929-42
braun@aksb.de

Claudia Krupp

Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

0228 28929-49
krupp@aksb.de