Nicht die Menschen müssen sich an uns anpassen, sondern wir uns an sie

Politische Bildung inklusiv auszurichten, erfordert, ihre Themen in einfacher Sprache aufzubereiten. Modellhaft zeigt dies die KEB im Bistum Limburg.

Die Bundestagswahl 2021 ist gelaufen. Erstmalig gewählt haben nicht nur Menschen, die gerade erst volljährig geworden sind. Sondern auch junge Erwachsene, die bisher nicht wussten, dass sie wählen dürfen, oder es tatsächlich erst zum ersten Mal durften.
Die Rede ist von Menschen mit starken Lernschwierigkeiten. Damit ihre politische Teilhabe gelingt, sie ihr Menschenrecht auf demokratisches Wählen wahrnehmen können, dafür trommeln und engagieren sich politische Bildnerinnen und Bildner im Rahmen des AKSB-Projektes „Wie geht Demokratie?“.

Wie Anne Badmann. Die studierte Psychologin, die vom Marketing kommt und in der Pädagogik ihre Berufung entdeckt hat, ist eine Überzeugungstäterin.
Mit Herzblut treibt sie die inklusive Ausrichtung der politischen Bildung in Deutschland mit ihren Impulsen und Appellen voran. Die Mitarbeiterin der KEB im Bistum Limburg ist überzeugt davon, dass sich alle Themen der Erwachsenenbildung so aufbereiten und erklären lassen, dass Menschen mit geistigen Einschränkungen sie verstehen und aus diesem Verständnis heraus entscheiden und gestalten können.
Bei Kindern können wir das ja auch, sagt sie, und hat immer ihre frühere Mitarbeit bei einer Gedenkstätte vor Augen, wo sie sich in kürzester Zeit auf unterschiedlichste Gruppen einstellen musste, von Landesarchivar/-innen bis Hauptschüler/-innen. Die Materie war dieselbe, die Vermittlung jeweils eine andere. Wir müssen uns an die Menschen anpassen, nicht umgekehrt, schlussfolgert Anne Badmann.

Die Sprache ist für sie der Schlüssel. Freiberuflich geht sie in Einrichtungen, um sie bei deren weiteren inklusiven Ausrichtung zu beraten und dabei die Interessen der Menschen mit starken Lernschwierigkeiten zum Klingen zu bringen.
Als KEB-Mitarbeiterin wiederum lag der Fokus im Rahmen des AKSB-Projektes auf Seminaren und begleitenden Broschüren zur Bundestagswahl, die sie in leichter Sprache gestaltete. Es hat sie berührt, wie sie über diese Befähigungsbemühungen äußere und innere Barrieren, ja auch Ängste bei den Teilnehmer/-innen überwinden helfen konnte. Und die weitere, regelrecht graswurzelmäßige Wirkung der ausgelösten Bildungsprozesse lässt sich kaum ermessen, sagt Anne Badmann.
Ein Blitzlicht verdeutlicht, was sie meint: Eine Mutter kam zu ihr und berichtete, dass sie bisher nicht gewusst habe, dass ihr Sohn mit geistiger Einschränkung wählen darf. Bisher hatte die Familie immer die amtlichen Wahlunterlagen in den Papierkorb geworfen. Das Thema ist somit größer als die 81.000 Menschen unter Vollbetreuung, die dank eines Bundesverfassungsgerichtsurteils nun erstmalig den Bundestag wählen durften, betont Anne Badmann.

Eigentlich betrifft es alle, die von den etablierten Strukturen, Angeboten und Sprachwelten in ihrer Bildungsteilhabe und politischen Teilhabe behindert und ausgeschlossen werden.
Wenn sich die Strukturen, Angebote und Sprachwelten ändern und auf die jeweiligen Adressat/-innen einstellen, ihre Interessen aktiv einbeziehen, Handlungsoptionen aufzeigen, dann wird rasch sichtbar: Auch diese Menschen haben ihre Meinung, drücken sie aus, haben Ideen, gestalten mit. Nicht nur die politische Bildung ist hier gefordert, sich zu bewegen, sondern alle Einrichtungen und Organisationen, die mit Menschen arbeiten, sagt Anne Badmann. Behörden sind dazu wegen der UN-Menschenrechtskonvention sogar verpflichtet, erfüllen aber vielfach ihre Pflicht nur unzureichend.
Komplexe Sachverhalte einfach auszudrücken, käme aber sehr vielen Menschen zugute, da würde die KEB-Mitarbeiterin sich selbst nicht ausnehmen. Denkt man nur an das ausufernde, komplizierte Formularwesen, möchte man ihr sofort zustimmen.

Der Handlungsbedarf allerorten ist groß – es geht darum, Menschenrechte in Kraft zu setzen. Dass nun Einrichtungen vorangehen, davon erhofft sich Anne Badmann einen Schneeballeffekt. Das Thema liegt in der Luft. Die Broschüren, die im Projekt entstehen, gehen jedenfalls weg wie warme Semmeln, und Anne Badmann wird kräftig in ihrer Expertise für einfache Sprache gebucht.
Politische Bildung ist, so ihre Einschätzung, massiv angefragt, diesen Prozess für sich selbst nachzuvollziehen und durch eigene Angebote zu unterstützen. Bisher beschränke sich das Engagement häufig auf einrichtungsbezogene Angebote etwa mit Werkstätten und Wohngruppen. Aber alle Themen des Lebens und der Politik gehen die Menschen mit starken Lernschwierigkeiten etwas an, vom Klimaschutz bis zur Ökonomie. Sie ernst zu nehmen, sprachfähig zu machen, braucht Befähigung: zuerst einmal der Träger und Einrichtungen der politischen Bildung selbst, dann der Adressat/-innen selbst. Ebenfalls in den Blick zu nehmen: ihre Bezugspersonen wie Familie, Betreuer/innen, Anleiter/innen. Denn sie sind häufig diejenigen, auf deren Vermittlung es im Alltag ankommt.

Abschließende Info

Die KEB im Bistum Limburg hat sich im AKSB-Projekt „Wie geht Demokratie? Inklusive Demokratiebildung für Jugendliche und junge Erwachsene mit geistiger Behinderung“ engagiert.


30. September 2021

Stefan Braun

Referent im Modellprojekt „Wie geht Demokratie?“ – inklusive politische Bildung

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braun@aksb.de