Echte Inklusion erfordert viele Schritte raus aus der eigenen Komfortzone

Politische Bildung ist gut beraten, bei der Arbeit mit Menschen mit starken Lernschwierigkeiten Fachkräfte, Räte und Netzwerkpartner an ihre Seite zu nehmen. Das zeigt die Erfahrung der Akademie Klausenhof.

Das Ziel der Inklusion ist unbequem, soll es kein bloßes Etikett sein, das man sich als Bildungswerk oder Bildungshaus anpappt. Es erfordert einen Aufbruch aus der Komfortzone. Denn Barrieren abbauen zu wollen bedeutet, Blickwinkel und Denkweisen verändern zu müssen. Und zwar nicht allein bei anderen, sondern bei sich selbst, persönlich und institutionell. Das ist ein Lernprozess, der bereichert, wie die Akademie Klausenhof aus eigener Erfahrung berichtet. Sie engagiert sich als Modellstandort im AKSB-Projekt „Wie geht Demokratie?“.

Am Anfang stand, dass ein demokratisches Defizit durch das Bundesverfassungsgericht einkassiert wurde. 81.000 Menschen unter Vollbetreuung sollten künftig wählen dürfen, beschloss Karlsruhe. Thorsten Gonska, heute Geschäftsbereichsleiter Seminare und Tagungen, erinnert sich noch an die Dynamik, welche diese Frucht der deutschen Gewaltenteilung mit Blick auf die Teilhabe an Bundestags- und Europawahl ausgelöst hat. Das auf fünf Jahre angelegte AKSB-Projekt, bei dessen eiliger Beantragung er mitwirkte, bietet den Rahmen, in richtiger Schrittfolge und mit langem Atem eine inklusive Ausrichtung der politischen Bildung in Deutschland zu fördern. So viel Zeit braucht es sicherlich, um Grundlagen für tragende Strukturen und Kulturen zu entwickeln, sagt Gonska.

Um nicht vom grünen Tisch aus zu agieren, stand für den Klausenhof zuerst eine gründliche Erhebung der Interessen und Bedarfe an, welche die verschiedenen Seiten beim Thema der politischen Bildung von Menschen mit starken Lernschwierigkeiten einbringen. Zuallererst stand die Hauptzielgruppe selbst im Mittelpunkt. Aber auch mit den Fachkräften aus Einrichtungen, die mit ihr arbeiten, und mit Räten aus Werkstätten und Wohnbereichen sprach der Klausenhof. Und die Akademie suchte und verstärkte die Vernetzung mit Akteuren im Feld der Inklusion, etwa mit Mitarbeitenden bei KoKoBes (Koordinierungs-, Kontakt- und Beratungsstellen), mit Kreativen von Theaterprojekten und vielen mehr. Corona erschwerte dieses Knüpfen und Stärken von Netzwerken, aber verhinderte es nicht.

Wahlakt für Menschen mit starken Lernschwierigkeiten braucht Lobby

Projektkoordinatorin Melani Beckedahl denkt gerne an diesen Weg zurück, den sie mit vielen Menschen gemeinsam gegangen ist und weiter geht. Obwohl sie auf Jahrzehnte Berufserfahrung in der Behindertenhilfe zurückschaut, hat sie selbst ganz viel auf diesem Weg gelernt, berichtet sie. Ihr persönlicher Zugang half, Fachkräfte und Räte mitzunehmen. Viele scheuten und scheuen sich vor dem Anliegen, politische Bildung vor Ort zu betreiben. Parteipolitik ist schließlich ein heikles Thema, da möchte sich niemand Einseitigkeit vorwerfen lassen. Entsprechend braucht der Wahlakt als demokratisches Recht, das auch die Menschen mit starken Lernschwierigkeiten haben, stärker als bisher eine Lobby bei den Fachkräften und Räten. Dies mit Blick auf die Selbstbestimmung der Mitarbeitenden und Bewohner/-innen in einigen Fällen erfolgreich angebahnt zu haben, ist bereits ein wertvolles Zwischenergebnis des Engagements im Projekt.

Hilfreich bei der Vermittlung: Politische Teilhabe, wie sie der Klausenhof versteht, meint mehr als Wählen. In diesem glaubwürdig verankerten Ansatz, die Zielgruppe in ihren Kompetenzen und Selbstwirksamkeit zu stärken, finden sich Fachkräfte und Räte aus den Einrichtungen wieder. Darüber zu sprechen, was politische Bildung konkret bedeutet, hilft sehr viel, nimmt Befürchtungen und Bedenken weg, hat Melani Beckedahl beobachtet. Als kreative Mittel, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, kamen ein inklusives Theaterstück, ein ideenreicher Videoclip und weitere niedrigschwellige Medien und Materialien zum Zug. Der Klausenhof verfügt über umfassende methodische Erfahrung aus seiner Bildungsarbeit, so dass in Kooperation mit Dritten ansprechende Ergebnisse entstanden und entstehen. Seminare im AKSB-Projekt erprobten, wie sich mit niedrigschwelligen Spielen ein Grundverständnis von Demokratie besprechen lässt. Weiteres Kreatives und Innovatives ist bereits in der Mache.

Bestehende Barrieren angehen

Interessant aber auch, was das Projekt sonst so auslöst. Melanie Beckedahl sieht, dass die jungen Menschen mit starken Lernschwierigkeiten selbstbewusster werden, offen die rote Karte zeigen, wenn ihnen etwas unverständlich ist. Das betrifft sowohl die politischen Parteien, die in ihren Programmen und Papieren noch zu wenig die Kriterien für leichte Sprache erfüllen, als auch die politischen Bildner/-innen. Und auch beim Teilhabebegriff haben viele Beteiligte noch Lernschritte zu vollziehen, merkt Thorsten Gonska kritisch an. Schön und gut, wenn Bundestagskandidaten eine Werkstatt besuchen. Besser als eine Führung durch die Geschäftsleitung wäre aber ein persönlicher Austausch mit Mitarbeitenden, was diesen für einen inklusiven Alltag wichtig ist, sagt Gonska. Gemeinsam auf das große Ziel hinarbeiten, Hand in Hand, auf Augenhöhe, ist das, was er will.

Und da nimmt er den Klausenhof nicht aus. Es helfe nicht, wenn der Referent für politische Bildung für die Belange und Bedarfe von Menschen mit starken Lernschwierigkeiten sensibilisiert sei. Im Alltag der Einrichtungen gibt es so viele Barrieren, die am besten die Zielgruppe selbst benennen kann, zum Beispiel bei einer Begehung. Es stellen sich viele praktische Fragen in einem Übernachtungs- und Tagungsbetrieb. Zur Kultur des Klausenhof gehört es, partizipativ unterwegs zu sein. Was aber als Grundprinzip für die Bildungsarbeit gilt, muss entsprechend auch für die betriebliche Weiterentwicklung gelten, betont Gonska. Aus den Erfahrungen im Projekt „Wie geht Demokratie?“ erwachsen somit Impulse für die heutige und künftige politische Bildung nicht nur abstrakt für die Trägerlandschaft im Allgemeinen, sondern ganz konkret am eigenen Ort: dem Klausenhof.


11. Oktober 2021

Stefan Braun

Referent im Modellprojekt „Wie geht Demokratie?“ – inklusive politische Bildung

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