Politische Bildung einfach und unterhaltsam zu gestalten, nutzt allen

Das Nell-Breuning-Haus dekliniert politische Themen so durch, dass Menschen mit starker Lernbeeinträchtigung ihre Beteiligungschancen verstehen und ergreifen können.

Was verstehst Du unter einem guten Leben?
Das mit verschiedensten Menschen zu besprechen und sie darin zu unterstützen, sich in Politik und Gesellschaft einzubringen, ist seit 1979 Kernauftrag des Nell-Breuning-Hauses in Herzogenrath. So sehr sich das Bildungszentrum um Augenhöhe mit benachteiligten Bevölkerungsgruppen bemüht, so sehr hat es – wie viele andere Träger der politischen Bildung auch – einen blinden Fleck. Die Inklusion von vollbetreuten Menschen mit starker Lernbeeinträchtigung war im bildnerischen Alltag bislang eher nicht im Blick.

Insofern schließt das Projekt Wie geht Demokratie? eine Lücke, an deren Beseitigung sich das Nell-Breuning-Haus als Modellstandort mit Leidenschaft beteiligt.
Dafür steht auch Fachbereichsleiterin Dr. Christina Herrmann mit Haut und Haaren, denn ein bester Freund von Kindesbeinen an ist ein Mensch mit starker Lernbeeinträchtigung. Ihn hat sie immer im Hinterkopf, wenn sie sich dem Thema Inklusion nähert. Ihr war und ist es immer wichtig, sich so verständlich auszudrücken, dass er es versteht und weiß, wie er sich in der jeweiligen Situation einbringen kann.

Gänzlich unbekannt war dieses Terrain des inklusiven Lebens und Agierens Kollegin Karin Reisige. Sie hat selbst in den ersten eineinhalb Jahren im Projekt so viel gelernt, dass sie es kaum fassen kann.
Politische Themen wie Wählen, Mitbestimmen, Rassismus und Sexismus so aufzubereiten, dass die bildnerische Situation eingängig, unterhaltsam und einladend ist, hat einen Reiz und eine Kraft, die über die unmittelbare Aufgabe hinausgeht. Denn letztlich wissen es sehr viele Menschen zu schätzen, wenn sie sich Beteiligungschancen auf lebendige, mitnehmende Weise erschließen können.

Auch die Pizza ist politisch

So haben die beiden Mitarbeiterinnen des Nell-Breuning-Haus schon viele spannende Erfahrungen und Erprobungen gemacht. Sie gingen in Wohngruppen der Lebenshilfe in Aachen und Mönchengladbach und von Via Nobis in Gangelt. Dort deklinierten sie mit Bewohner/-innen das Politische durch, an alltagsnahen Beispielen und Bildern.
Das Fazit: Auch die Pizza ist politisch, wenn es darum geht, zu bestimmen, welche Zutaten da draufkommen, damit sie einem persönlich schmeckt. Mit Leitungskräften der Evangelischen Stiftung Hephata besprachen Herrmann und Reisige, wie sich politische Bildung in den Einrichtungen stärker verankern lässt. Eine zentrale Rolle nahm dabei der Trialog zwischen Bewohner/-innen, Angehörigen und Mitarbeitenden ein.

Lebendige Visualisierung

Als jüngstes Produkt des Projektes am Modellstandort Nell-Breuning-Haus entwickelten Christina Herrmann und Karin Reisige drei Videos zur Bundestagswahl.
Das überwältigende positive Echo auf diese witzig animierten Clips, die über alle digitalen Kanäle ausgespielt wurden, bestärkt die beiden Fachfrauen in einer methodischen Überzeugung: Sie sind der festen Auffassung, dass es im Bereich der politischen Bildung solche lebendigen Visualisierungen braucht, weil die Materie zu trocken und zu komplex für die klassische einfache Sprache mit ihren Piktogrammen sei. Eine kritische Anfrage an Parteien mit ihren viel zu umfangreichen Wahlprogrammen, aber auch an politisch Bildende.

Für die Zukunft hat Christina Herrmann einen großen Wunsch: dass ihre Arbeitsstätte, das Nell-Breuning-Haus, seine anerkannt guten emanzipatorischen Themen rund um Arbeit und Menschenwürde auch für Menschen mit Lernbehinderung erschließt. Denn soll die politische Partizipation dieser Bevölkerungsgruppe wirklich gefördert werden, braucht es ihre Stimme, ihre Ideen, ihre Mitarbeit, zum Beispiel im Strukturwandel des Rheinischen Reviers.
Das braucht viele Schritte, und Christina Herrmann würde gerne mit einer Fokusgruppe von Menschen mit starker Lernbeeinträchtigung das Haus auf Herz und Nieren prüfen, wie inklusiv es schon ist und was es noch zu tun gibt. So würden sich Dynamik und Lerneffekte, die das Projekt auslöst, noch einmal verstärken.


letzte Aktualisierung: 22. September 2021

Stefan Braun

Referent im Modellprojekt „Wie geht Demokratie?“ – inklusive politische Bildung

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