Seminar-Einblick: Menschenwürdige Arbeit in einer digitalisierten Arbeitswelt

Digitalisierung ist ein hochaktuelles Thema. Der Einzug intelligenter Technologien in der Industrie gilt als "vierte industrielle Revolution", kurz Industrie 4.0 genannt. Das Tempo der digitalen Durchdringung aller Lebensbereiche ist enorm und die Herausforderungen sind groß. Viele Formen von Arbeit verlieren zusehends ihre örtliche und zeitliche Gebundenheit. Immer mehr Tätigkeiten werden in Zukunft von Maschinen geleistet werden können.

Bei einem europäischen Seminar im Juni 2017 unter der Federführung der KAB Deutschlands im österreichischen St. Pölten wurden die Entwicklungen analysiert und bewertet. Vertreter/-innen von Arbeitnehmerorganisationen aus Deutschland, Österreich, Italien, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden und der Schweiz entwickelten politische Leitplanken,  an denen sie in den kommenden Jahren ihre Projekte, Aktionen und Kampagnen orientieren wollen. Die Gestaltung einer menschenwürdigen Arbeitswelt ist dabei das übergeordnete Ziel.

Bereits beim Besuch des Unternehmens Geberit wurde im Gespräch mit der Geschäftsführung und dem Betriebsrat deutlich, worum es geht. "Bei Geberit geht es im Wesentlichen um eine kontinuierliche technische Weiterentwicklung der Automatisierung der Produktion und um keine industrielle Revolution", so der Geschäftsführer Helmut Schwarzl.
Die weltweit tätige Geberit-Gruppe ist europäischer Marktführer für Sanitärprodukte und beschäftigt über 12.000 Mitarbeitende in über 40 Ländern. Dr. Stefan Perini vom Institut AFIIPL in Italien erklärte dazu: "Der Begriff Industrie 4.0 fiel zum ersten Mal 2011 auf der Hannovermesse im Rahmen des Aktionsplans zur High-Tech Strategie 2020 der deutschen Bundesregierung". Mit diesem Programm strebt die Bundesregierung in Deutschland einen Paradigmenwechsel im Produktionssystem an, um durch eine gezielte industrielle Politik den Aufschwung der eigenen Wirtschaft anzutreiben; also eine Marketing-Strategie. In den vergangenen Jahren wurden in den USA und Frankreich ebenfalls zielstrebig Pläne für einen neuen industriellen Aufschwung erstellt. Etwas später als in Deutschland läutete im September 2016 die italienische Regierung die Wende zur Industrie 4.0 ein, mit ihrem Plan 'Industria 4.0'", so Perini.

Die vierte industrielle Revolution ist ein Wandlungsprozess, der sich viel schwieriger als die bisherigen Revolutionen gestaltet. Letztere wurden nämlich durch ganz bestimmte Innovationen ausgelöst. Dazu zählen etwa die Dampfmaschine, die Fließbandarbeit oder der Computer.
Das neue Paradigma von Industrie 4.0 setzt hingegen eine ganze Reihe innovativer und miteinander verbundener Technologien voraus. Wesentliche Merkmale der „intelligenten“ Fabrik, die sich auf die Industrie 4.0 umstellt, sind Big Data, Robotisierung, Internet der Dinge, Systeme zur Verknüpfung der physischen und der virtuellen Welt (auch Cyber-Physical Systems-CPS genannt), Cloud Computing, künstliche Intelligenz, eigenständige Transportsysteme, flexible und maßgeschneiderte Produktionen. Vor allem müssen hochkompetente Fachkräfte beschäftigt werden, die die neuen Technologien und die entsprechenden Herausforderungen angehen können. Es entstehen nun komplexe Arbeitsumfelder, in denen Maschinen miteinander kommunizieren und Seite an Seite mit Menschen arbeiten und von diesen auch Neues dazulernen.

Entgegen der Behauptung einer neutralen Technologisierung und Automation erläuterte Dr. Michael Schäfers, Leiter des Grundsatzreferates der KAB Deutschlands, seine These: "Die zu erwartenden technologischen Entwicklungen werden mit einer sich bereits abzeichnenden Transformation des Eigentums, der Machtverhältnisse, der Aneignung des Mehrwerts der Arbeit und der Wertschöpfung durch tiefe Einschnitte in den Unternehmensstrukturen einhergehen. Deren Richtung und Folgen zeichnen sich allerdings erst in Umrissen ab."

In die Zukunft gerichtet stellte Andreas Gjecaj, Geschäftsführer beim Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB), seine Thesen zur Zukunft der Arbeit vor. Darin fordert er unter anderem: "Das Internet darf nicht zu einer Dimension unserer Lebens- und Arbeitswelt verkommen, wo weder Recht noch Gesetz gelten".
In der Arbeitswelt entstehen völlig neue Arbeitsbeziehungen, etwa beim sogenannten Crowdworking. Dort werden Arbeitsaufträge auf Plattformen ins Internet gestellt und in einem weltweiten Wettbewerb bieten Menschen ihre Arbeitsleistung an. Sämtliche arbeitsrechtlichen Regelungen fehlen, es gibt keinen Mindestlohn, keinen Arbeitnehmerschutz und das Ergebnis dieses neuen Tagelöhnertums sind Stundenlöhne um 1,50 Dollar oder der Gegenwert einer Pizza am Ende eines Arbeitstages. Ohne verbindliche Regelungen, die auch für sämtliche Internet-Plattformen gelten, kommt es so zur Verarmung breiter Bevölkerungsschichten. Besonders junge Menschen werden um einen Zugang in reguläre Arbeitsverhältnisse betrogen.
"Die Jugend darf nicht zum vergessenen Verlierer der Digitalisierung werden", forderte Gjecaj. Viel zu oft landen junge Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen und müssen für Defizite im Bildungssystem den Kopf hinhalten. Die Aus- und Weiterbildung der jungen Menschen wird durch die Digitalisierung einen zentralen Stellenwert bekommen.

Wilfried Wienen

Leitung FG II

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