EU-Demokratie stärken: aber wie? Europatagung 2019 in Brüssel

Zwei Tage lang befassten sich Fachkräfte der Jugend- und Erwachsenenbildung mit der Frage, welchen Beitrag politische Bildungsarbeit vor dem Hintergrund der allgemeinen Enttäuschung nach der Wahl zur Stärkung der EU-Demokratie leisten kann.

Die Debatte ist alt. Schon seit Jahrzehnten wird der demokratische Gehalt der EU in der Fachwelt und in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert. Eine Debatte, die durch die Ablehnung aller Spitzenkandidat/-innen für das Amt der Präsidentschaft der Europäischen Kommission durch den Europäischen Rat nach der Wahl neue Nahrung bekommen hat.

Die Fachtagung 2019 des Europabüros, die am 3. und 4. Dezember in Brüssel stattfand, nahm sich des Themas an. Unter dem Titel „Partizipation und Demokratie nach der Europawahl: Aufgaben für die politische Bildung“ setzten sich Fachkräfte der Jugend- und Erwachsenenbildung aus Deutschland und Österreich mit der Frage auseinander, welchen Beitrag die politische Bildung vor dem Hintergrund der allgemeinen Enttäuschung nach der Wahl zur Stärkung der EU-Demokratie leisten kann.

Die Bürger/-innen hätten immer mehr den Eindruck, bei Wahlen nur zwischen Personen wählen zu können, ohne die Möglichkeit zu haben, damit auch eine andere Politik bewirken zu können. Leider sei dieser Eindruck korrekt, erläuterte Dr. Cornelia Stratulat vom European Policy Centre, einem außeruniversitären Forschungsinstitut. Ursachen seien die Globalisierung und die Dominanz der Märkte.
Dr. Johan Adriaensen von der Universität Maastricht erklärte, die verschiedenen Krisen der vergangenen Jahre hätten die EU näher zusammenrücken lassen und damit gestärkt. Die großen gemeinsamen Herausforderungen wie der Brexit, die Migration, der Klimawandel oder die Konflikte zwischen den USA und China vereine die Gemeinschaft. Die Dominanz der nationalen Regierungen in der EU sei gerechtfertigt, da sich die Mehrheit der Menschen nach wie vor in erster Linie als Bürger/-innen ihrer Länder fühle.

Planspiele machen Prozesse erfahrbar

Voraussetzung für Demokratie ist aktive Bürgerbeteiligung. Aktive Bürgerbeteiligung aber ist oft gar nicht so einfach und braucht Schützenhilfe durch Bildung. Als vielversprechende Methode, abstrakte politische Prozesse erfahrbar zu machen, diskutierten die Teilnehmenden Ansätze der „Gamification“ in der politischen Bildung. Insbesondere die Methode politischer Planspiele rückte dabei in den Fokus.
Alle Menschen, Jung und Alt, besäßen einen natürlichen Spieltrieb, erläuterte Thorsten Gonska, Leiter der Abteilung politische Bildung an der Akademie Klausenhof in Hamminkeln. Gleichzeitig könne Spielen Wissen auf sehr einprägsame Weise vermitteln. Die Anpassung spielerischer Ansätze an die Zielgruppe bedürfe jedoch besonderer Aufmerksamkeit. Ein unreflektierter Einsatz derartiger Methoden führe zu Enttäuschung und Abnutzung.
Märthe-Maria Stamer von der Universität Göttingen betonte, das Angebot für alle gebe es nicht. Das Publikum sei heterogen.

Ein besonderes Highlight der Fachtagung 2019 stellte die Erprobung eines politischen Planspiels dar. Für mehrere Stunden schlüpften die Teilnehmenden in die Rolle von Vertretern der Regierungen der EU-Mitgliedstaaten und verhandelten drei Gesetzesvorschläge der Europäischen Kommission.

Innovative, spielerische Ansätze besäßen ein großes Potential, Interesse an Politik zu wecken und für die Schwierigkeiten politischer Kompromissfindung zu sensibilisieren. Der Einsatz in der politischen Bildung sei sehr empfehlenswert und könne einen zentralen Beitrag zur Stärkung der Demokratie leisten.

Florian Sanden

Leitung Europabüro für Katholische Jugenarbeit und Erwachsenenbildung

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