Miteinander kooperieren erfordert, sich zu verstehen

Die Fachkonferenz zum Thema „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" nutzen jüdische und christliche Bildungsträger für einen konzeptionellen Austausch. Dabei identifizierten sie viele Anknüpfungspunkte für eine vertrauensvolle Zusmmenarbeit.

Bildung spielt für die jüdischen Traditionen in Deutschland eine zentrale Rolle. Sie dient der Selbstvergewisserung und Identitätsstiftung, aber auch der Verortung in der Gesamtgesellschaft. Bildung ermöglicht, die unterschiedlichen jüdischen Traditionen zusammenzuführen und gleichzeitig jüdische Identitäten und Traditionen sichtbarer zu machen. Damit ermöglicht Bildung durch jüdische Akteure, Respekt für jüdische Vielfalt zu stärken – innerhalb und außerhalb der jüdischen Traditionen.

Mit diesen Kernaussagen macht Prof. Dr. Doron Kiesel deutlich, in welch dynamischer Entwicklung sich das jüdische Leben in Deutschland seit 1989 befindet. Der wissenschaftliche Direktor der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland steht selbst als persönlicher Zeuge dafür: In Frankfurt wurde gerade der erste Spatenstich getan für eine jüdische Akademie, der er als Direktor vorstehen wird. In zwei Jahren soll sie ihren Betrieb aufnehmen, als weiterer Meilenstein im Wiederaufbau jüdischen Lebens als Teil der deutschen Gesellschaft.

Von vorneherein setzt Kiesel dabei auf enge Kooperation mit konfessionellen Bildungsträgern wie dem benachbarten Haus am Dom, der katholischen Akademie des Bistums Limburg in Frankfurt. Dies unterstrich er am 15. September 2021 in einem Austausch mit Gesprächspartnerinnen und -partnern aus der christlichen Bildungsarbeit. Im Rahmen der Fachkonferenz „Interreligiöse/Interkulturelle Bildung“ identifizierte man gemeinsam die vielen Anknüpfungspunkte, vertrauensvoll miteinander zu kooperieren. Um das gut zu können, braucht es gegenseitiges Verständnis. Und das wiederum erfordert Wissen.

Doron Kiesel skizzierte einige Linien: Vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten lebten 500.000 Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland. Die Hälfte floh ins Ausland, die andere Hälfte wurde ermordet. Nach dem Krieg lebten nur noch 15.000 Jüdinnen und Juden in der Bundesrepublik, ihnen fehlten Kraft und Wille, sich ein anderes Leben an einem anderen Ort aufzubauen. Das Trauma von Verfolgung und Vernichtung prägte ihren Alltag und ihr Selbstbewusstsein, über Generationen hinweg. Die Zahl wuchs nur unwesentlich auf 30.000 Deutsche jüdischen Glaubens heran.
Das änderte sich schlagartig und deutlich mit der Wende von 1989. Durch den Zuzug von 250.000 Menschen aus dem bisherigen Ostblock vergrößerten sich vielerorts in Deutschland jüdische Gemeinden und entfalteten neues Leben. Dabei galt und gilt es, die Vielfalt kultureller, politischer und religiöser Prägung wahrzunehmen. Das Aufeinandertreffen so verschiedener Menschen erfordert Verständigung und gegenseitigen Respekt. Die Bildungsarbeit nimmt in diesem Integrationsprozess eine wichtige unterstützende Rolle ein. Zugehörigkeit entstehe nicht automatisch, sondern müsse erarbeitet werden, sagte Doron Kiesel.

Auch die Mehrheitsgesellschaft braucht ein neues Verständnis vom Judentum in Deutschland, das jüdisches Leben weder diskriminiert noch überhöht. Als geborene Partner in dem nötigen beharrlichen und vielschichtigen Bildungsprozess sieht Kiesel Träger der interreligiösen und interkulturellen Bildungs- und Begegnungsarbeit. Sich besser kennenzulernen, von den jeweiligen Aktivitäten und Projekten zu hören, sei der Grundstock für gutes Verständnis und vertrauensvolle Kooperation. In diesem Sinne kamen bei der Fachkonferenz in Frankfurt beispielhaft drei Akteure zu Wort.

Oliver Dainow von der Jüdischen Gemeinde Hanau stellte ein Internetportal zum jüdischen Leben vor, das in Kürze freigeschaltet wird. Erklärvideos geben dort Einblick in jüdische Traditionen und Feste. Auch die Synagoge wird frei von allen Corona-Beschränkungen übers Netz zugänglich gemacht, sogar dreidimensional über Virtual-Reality-Technologie. Gleichzeitig bringt die Gemeinde gemeinsam mit dem Hessischen Kompetenzzentrum gegen Extremismus durch Projekttage jüdisches Leben an Schulen.

Ebenfalls digital unterstützt ist die Kampagne „#beziehungsweise –jüdisch und christlich: näher als du denkst“ zum Jubiläumsjahr 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Sie arbeitet mit Bildern und Zuspitzungen und lädt ein, sich näher über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Judentum und Christentum zu informieren. Das Projekt wurde erläutert durch Katrin Großmann vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

Als Dritte im Bunde berichtete Ilona Klemens vom Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit von den vielfältigen Aktivitäten im Netzwerk von 80 lokalen Gruppierungen. Bei aller Unterschiedlichkeit vor Ort gibt es gemeinsame Formate wie die Woche der Brüderlichkeit und interreligiöse Friedensgebete. Auf Bundesebene gibt es bestärkende Aktivitäten und Strukturen, etwa die Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille, Publikationen und eine Stiftungsprofessur, letztere vorrangig aus evangelischen Mitteln finanziert. Entwicklungen wie Säkularisierung, Alterung, Sprachkonventionen und vieles mehr fordern alle Beteiligten heraus, sagte Klemens. Kooperation sei also auch vor diesem Hintergrund das Gebot der Stunde.

Stimmen der Veranstalter

Prof. Dr. Joachim Valentin, Direktor des Hauses am Dom und Vertreter des Leiterkreises der Katholischen Akademien in Deutschland: „Das Thema 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland ist noch nicht angemessen im allgemeinen Bewusstsein verankert. Als katholische Akademien möchten wir die weit reichenden Potenziale in den Blick rücken, welche die erstarkenden jüdischen Communitys in die deutsche Gesellschaft einbringen. Dabei leitet uns die Vorstellung, dass jüdische und christliche Akteure an einem Strang ziehen.“

Andrea Heim, Bundesgeschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Deutschland - Bundesarbeitsgemeinschaft e.V. mit Sitz in Bonn: „Den entscheidenden Qualitätssprung in der Zusammenarbeit jüdischer und christlicher Bildungsakteure sehe ich erreicht, wenn wir nicht mehr nur auf der Metaebene unterwegs sind. Wir müssen uns von verengten Fragestellungen lösen und zu allgemeinen und politischen Themen kommen, die für uns alle in Deutschland wichtig sind. Hier mehr gemeinsam zu machen, wäre ein echter Mehrwert für unsere Bildungsarbeit.“

Ann-Kristin Beinlich, Projektkoordinatorin „Religionssensible politische Bildungsarbeit“ bei der Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke in der Bundesrepublik Deutschland e.V. mit Sitz in Bonn: „Unsere Fachkonferenz macht nochmals deutlich, dass Jüdinnen und Juden tagtäglich vor der Frage stehen, ob und wie sie ihre Identität frei leben können. Vor dem Hintergrund fortwährender antisemitischer Diskriminierungen in der Gesellschaft – sei es auf der Straße oder im Netz – ist es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und damit auch Aufgabe politischer Bildung, Toleranz und Respekt gegenüber religiöser Vielfalt zu fördern.“

Kurzinfo

Die Fachkonferenz „Interreligiöse/Interkulturelle Bildung“ ist ein Gesprächs- und Vernetzungsformat des Leiterkreises der Katholischen Akademien in Deutschland, der Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke in der Bundesrepublik Deutschland e.V. (AKSB) und der Katholischen Erwachsenenbildung Deutschland - Bundesarbeitsgemeinschaft e. V. (KEB Deutschland). Die Fachkonferenz wurde im Rahmen des Projekts „Religionssensible politische Bildungsarbeit durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.


Einladung zum Fachtag: Jüdisches Leben und jüdische Religion in Deutschland

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. 1700 Jahre Begegnung von Judentum und Christentum. 1700 Jahre Miteinander und Konflikt, Zusammenleben und Diskriminierung.

War es lange nicht vorstellbar, dass nach der Shoah Jüdinnen und Juden noch in der Bundesrepublik leben würden, beweist die Gegenwart das Gegenteil. Schließlich wachsen die jüdischen Gemeinden noch immer. Jüdisches Leben ist präsent, lebhaft und jung.
Und doch haben viele Nichtjüdinnen und -juden nur selten persönlichen Kontakt mit jüdischem Leben und wenig Kenntnisse über das jüdische Deutschland. Zeitgleich steht dieses vor alltäglichen gesellschaftlichen und ganz persönlichen Herausforderungen, der sich Jüdinnen und Juden genauso wie Nichtjüdinnen und -juden stellen müssen. Anlass genug, um das Jahr 2021 zum Festjahr zu erklären, um jüdisches Leben sichtbar zu machen und dem erstarkenden Antisemitismus zu begegnen.

Die diesjährige Fachtagung beleuchtet das jüdische Leben in Deutschland aus bildungspraktischer Perspektive. In Zeiten, in denen antisemitische Einstellungen wachsen, zeigt die Tagung den Beitrag von Religionsgemeinschaften für einen konstruktiven gesellschaftlichen Dialog auf. Neben Beispielen aus der jüdisch-christlichen Dialogpraxis bietet die Fachtagung Raum für weiteren bildungspraktischen Austausch im Thema.

Die Fachtagung „Interreligiöse/Interkulturelle Bildung“ findet am 15. September 2021 im Haus am Dom in Frankfurt statt. Unter dem Titel „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ beleuchtet die diesjährige Fachtagung das jüdische Leben in Deutschland aus bildungspraktischer Perspektive. Die genauen Informationen stehen im Flyer bereit.


letzte Aktualisierung: 20. September 2021

Ann-Kristin Beinlich

AKSB-Projektkoordination/ Projektleitung in Kooperation mit der Akademie St. Jakobushaus Goslar
„Religionssensible politische Bildungsarbeit“ und Leitung Fachgruppe 3

0228 28929-40
beinlich@aksb.de