Dienst(e) für mein Land – Demokratie braucht Verantwortung
Befasst sich eine Fachtagung für KMBA, Bundeswehr und Polizei mit „Demokratie braucht Verantwortung“, liegt die Debatte um den Wehrdienst auf der Hand. Dabei bedeutet es weit mehr, Verantwortung für das Land und die Gesellschaft zu übernehmen.
Der Wehrdienst hat ein Thema wieder in das allgemeine Bewusstsein gebracht: Deutschland braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen – notfalls durch eine Pflicht. Die Wehrdienstdebatte stellt dabei vor allem die jungen Menschen in den Mittelpunkt. Dabei stellen sich zwei Fragen. Zum einen: Welche weiteren Möglichkeiten gibt es neben dem Dienst in der Bundeswehr? Zum anderen: Wie stehen die Deutschen und insbesondere die Jugend zu Wehrdienst und Co.?
Auf der AKSB-Fachtagung zu diesem Thema kamen am 16. September 2026 junge Menschen in der katholischen Akademie des Bistums Fulda zu Wort. Die Erkenntnis: Die Stimmen liegen gar nicht so weit auseinander.
Verantwortung – mehr als der Dienst
Als Professor am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr setzte Dr. Martin Elbein in seinem einleitenden Vortrag am Begriff des Dienens an und verdeutlichte zunächst, dass damit heutzutage eine Tätigkeit bezeichnet werde, die primär nicht dem eigenen Interesse nütze, sondern dem eines oder vielen anderen. Dabei habe das „Dienen“ aus soziologischer Sicht verschiedene Aspekte:
- Freiwilligkeit: zeitlich begrenzt, setzt die bewusste Entscheidung voraus, einer spezifischen unentgeltlichen Tätigkeit nachzugehen, etwa als Unterstützung bei einer Sportveranstaltung
- Ehrenamt als bewusste Entscheidung dafür, länger in einer gewählten Position unentgeltlich tätig zu sein
- Beruf mit dem Ziel eines Erwerbseinkommens
- Dienstpflicht, die gesetzlich verpflichtet, für eine begrenzte Zeit eine Position oder Tätigkeit gegen ein Entgelt wahrzunehmen
Auch wenn der Begriff „Einberufung“ eine Verbindung denkbar machen ließe: Dr. Elbe grenzte die Berufung explizit von der Dienstpflicht ab – sie folge einer höheren, einer inneren Verpflichtung. Im Austausch während der Fachtagung spielte die Berufung in diesem Sinne immer wieder eine Rolle, denn gerade Vertreter aus Bundeswehr und Polizei waren sicher: Wer in gefährlichen Situationen eingesetzt wird, handelt womöglich anders als eine Person, die nur aus finanziellen Gründen einen solchen Beruf ergriffen hat.
Möglichkeiten, Verantwortung zu übernehmen
Max Berger, Bildungsreferent am Heinrich-Pesch-Haus, schlug im folgenden Beitrag den Bogen zur Jugend. Er machte deutlich, wie vielfältig die Möglichkeiten sind, Verantwortung für die Demokratie zu übernehmen:
- Wählen gehen
- Parteiarbeit
- Beteiligung an Demonstrationen oder Petitionen
- Sich selbst politisch bilden
- In Diskussionen (Online, Familie, Freundeskreis) einsteigen
- Ehrenamtlich engagieren
- Mitwirkung in der Schülervertretung
- Berufswahl daran ausrichten
- Sich mit anderen Menschen solidarisieren
Alles schön und gut, aber immer wieder mal erhält man etwa in Medien oder Aussagen verschiedener Politiker*innen der Eindruck, dass die Jugend nicht sonderlich Willens sei, Verantwortung zu übernehmen – zumal durch eine Pflicht, in der Bundeswehr zu dienen. Wir wollten es genauer wissen und haben mehrere junge Menschen zur Tagung eingeladen. Im Fokus stand die Frage, wie sie zu Verantwortung für die Demokratie stehen und was geändert werden sollte, wenn Jugendliche mehr Mitspracherecht hätten. Denn derzeit sei es so: „Junge Leute sehen sich und ihre Probleme oft nicht gesehen.“, so Nils Gäbel von der Jungen Polizei. „Die ‚Erwachsenenverbände‘ sollten die Belange der jungen Menschen viel ernster nehmen. Die Jugend hat durchaus das Recht, einen eigenen Kopf zu haben.“
Die Erkenntnisse: Der Wille ist da, alleine es fehlt an…
Im Austausch zeigte sich, dass durchaus der Wille besteht, sich für die Gesellschaft und die Demokratie einzusetzen. Allerdings sollten die Möglichkeiten erweitert und die Angst, in einem militärischen Konflikt eingesetzt zu werden, ernst genommen werden.
Natürlich engagierten sich alle der anwesenden Personen auf die eine oder andere Weise für die Demokratie – das liegt in der Natur der Veranstaltung. Und doch zeigten sowohl Statistiken als auch die Berichte der Teilnehmer*innen, dass auch in ihrem Umfeld prinzipiell das Interesse an Verantwortungsübernahme – in welchem Bereich auch immer – eher hoch ist. Es fehle aber an Informationen und Angeboten, wie es unter anderem Martha Jansen-Rosseck, Gymnasiastin und aktiv bei der Greenpeace-Jugend, beschrieb: „Wirklich viele Informationen über FSJ und FÖJ gibt es kaum. Die Polizei ist bei uns kaum repräsentiert, es kommen kaum Leute in die Schule. Und auf dem Land gibt es nicht genügend Möglichkeiten, sich zu engagieren. In unserer Altersspanne gibt es kaum eine Auswahl.“
Je nach eigener politischer und gesellschaftlicher Haltung unterschieden sich die Ansichten darüber, inwiefern Menschen zum Dienst an der Waffe verpflichtet werden dürfen. Annabell Günther, selbst Reservistin und Jura-Studentin, brachte es mit ihrer Kritik am Regel-Ausnahme-Modell, bei der das Militär die Regel, das Zivile die Ausnahme ist, auf den Punkt: „Ich habe mich schon öfter für eine allgemeine Dienstpflicht ausgesprochen – es gibt zwar eine Pflicht, aber was und wie ich das mache, ist mir selbst überlassen.“
So sahen es auch weitere Teilnehmer*innen, die mehr Sichtbarkeit und Einsatz forderten für zivile und halb-zivile Bereiche wie den Katastrophen- oder Zivilschutz sowie die freiwilligen sozialen, ökologischen, kulturellen Dienste. Leyan Jansen, FÖJ-Bundessprechende*r 2025/2026 stellte heraus, dass die Strukturen und finanziellen Unterstützungen für freiwillige Dienste verbessert werden müssen – denn im Gegensatz etwa zur Bundeswehr werden freiwillige Dienste kaum vergütet: „Es sollte für jeden zugänglich sein, de facto ist es aber nicht so. Das kann sich nicht jeder leisten. Wir müssen also erstmal bei Strukturen anfangen.“
Verantwortung braucht Möglichkeiten
Die Fachtagung hat damit weniger eine Antwort auf die Frage gegeben, ob junge Menschen Wehrdienst leisten wollen. Sie hat vielmehr gezeigt, dass die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, an vielen Stellen vorhanden ist – und dass sie unterschiedliche Formen annehmen kann. Entscheidend ist deshalb auch, welche Möglichkeiten eine Gesellschaft dafür schafft und wie zugänglich sie sind.
Ob Bundeswehr, Polizei, Katastrophen- und Zivilschutz, freiwilliges soziales oder ökologisches Engagement, politische Beteiligung oder der Einsatz im eigenen Umfeld: Demokratie braucht Menschen, die sich einbringen. Sie braucht aber ebenso Strukturen, die dieses Engagement ermöglichen und jungen Menschen zutrauen, Verantwortung für ihr Land und ihre Gesellschaft selbst zu übernehmen.
Letzte Aktualisierung: 17. September 2026