Fachtagung: Gegen Rechts – Für Respekt

Vom 30 bis 31. August 2022 wurde im Heinrich Pesch Haus in Ludwigshafen Rechtsextremismus als Herausforderung für die politische Bildung und Jugendsozialarbeit diskutiert. Ein Tagungsbericht mit Erkenntnissen für die eigene Arbeitspraxis.

Die Grenze des Sagbaren im öffentlichen Diskurs verschiebt sich immer weiter nach Rechts. Rechtspopulistische, rechtsextreme Aussagen sind nicht zuletzt durch rechtsextreme Parteien in den Parlamenten auf allen föderalen Ebenen präsent. Dem müssen sich die politische Bildung und auch die Soziale Arbeit stellen. Sie sind aufgefordert, eine Sensibilität für Sprache und Handlungsfähigkeit zu entwickeln.

Vom 30. bis 31. August 2022 trafen sich zahlreiche politischen Bildner/-innen, Respekt Coaches und weitere Interessierte im Heinrich Pesch Haus in Ludwigshafen, um sich auf einer Fachtagung der AKSB und des Heinrich Pesch Hauses mit Rechtsextremismus als Thema der politischen Bildung und Jugendsozialarbeit auseinanderzusetzen. Damit folgten sie den einleitenden Worten von Birgit Jagusch, Professorin für Soziale Arbeit und Diversität an der TU Köln, sich mit sich, seiner oder ihrer Rolle und seinem oder ihrem Handeln im Privaten wie im Beruflichen auseinanderzusetzen.

Es sei das eine, bei anderen rechte Haltungen auszumachen. Es sei aber etwas anderes, sich selbst, das eigene Handeln und Denken ehrlich zu reflektieren. Dazu gehöre, dass auch die Organisationen ihr Handeln zu hinterfragen haben: „In welcher Weise und an welchen Stellen spielt die Auseinandersetzung mit der extremen Rechten in meiner Einrichtung eine Rolle? Wer setzt welche Themen? Was weiß ich über extrem rechte Nahtstellen in meiner Profession? Was wissen ich und meine Einrichtung über Gewalterfahrungen meiner Adressat/-innen und Kolleg/-innen? Welche Schutzkonzepte existieren bei uns?“

Laut Birgit Jagusch gehört es unweigerlich dazu, dass sich Akteure insbesondere der Sozialen Arbeit, aber auch der politischen Bildung ihres Professionsverständnisses vergewissern. Insbesondere in Präventionsangeboten wie dem Bundesprogramm „Respekt Coaches“ werde die Zielgruppe als die „Anderen“ konstruiert, die zum gesellschaftlichen Problem würden, Konflikte provozieren könnten und deshalb Hilfe bedürften, so Jagusch. Damit setzten die Akteure implizit Normalitäten, die an Narrative der extremen Rechten anschlussfähig sind und missbraucht werden könnten.

Dass diese Warnung nicht unbegründet ist, zeigen Studienergebnisse von Birgit Jagusch zur „Neuen Rechten in der Sozialen Arbeit in NRW“. In allen Regionen Nordrhein-Westfalens lässt sich der Einfluss auf die Soziale Arbeit feststellen. Sowohl durch eigene Angebote von rechten Akteuren als auch durch den Einfluss auf etablierte Akteure der Sozialen Arbeit.

Um eine Sprach- und Handlungsfähigkeit zu entwickeln und somit die Anschlussfähigkeit rechter Akteure und Positionen an die Aufgabe der Bildung für demokratische Werte zu verhindern, ist es wichtig, ein gemeinsames Verständnis des Phänomens des Rechtsextremismus zu entwickeln. Gleichzeitig muss ein Grundverständnis über Rechtsextremismus bei den Handelnden bestehen. Hierzu führte Max Berger vom Heinrich Pesch Haus und Schwerpunktstelleninhaber der AKSB in die Neue Rechte ein. Er gab einen grundlegenden Überblick über Akteure, Strukturen, Strategien und Ziele der Neuen Rechten. Dadurch zeigte er auf, dass die Neue Rechte aufgrund ihrer Strategien, die an Strategien anderer, nicht-rechter Akteure angelehnt sind, und aufgrund ihrer Inhalte, die an die Bedürfnisse der Individuen anknüpfen, insbesondere bei der Arbeit mit Jugendlichen eine große Relevanz hat.

Lennart Lafaire und Leroy Boethel bestätigten dies in ihren Tagungsbeiträgen. Beide arbeiten für die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus in Ludwigshafen und in Arnsberg und berichteten von ihrer Arbeit. Sie verdeutlichten, dass zivilgesellschaftliche Gegeninitiativen rechte Akteure zurückdrängen können. Sie zeigten aber auch auf, dass rechte Haltungen an Schulen und im weiteren Kontext von Schulen durchaus ein Problem darstellen. Für solche und ähnliche Fälle bieten die bundesweit tätigen Beratungsstellen Unterstützung an. Sie entwickeln gemeinsam mit den Ratsuchenden Strategien, wie z. B. mit rechten Schmierereien auf dem Schulhof oder Schulweg umgegangen werden kann.

Der gemeinsame, persönliche Austausch stand im Mittelpunkt der Fachtagung. In drei Workshops konnten die Teilnehmenden nicht nur mehr zur mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus und deren Erfahrungen mit Rechtsextremismus an Schulen erfahren. In zwei weiteren Workshops konnten sie sich zu Rechtsextremismus in ländlichen Regionen und im Naturschutz austauschen. In diesen kleineren Runden zeigte sich der erhöhte Bedarf, die eigene berufliche Praxis zu hinterfragen, neue Methoden kennenzulernen und untereinander Themen zu diskutieren und Erfahrungen auszutauschen, um mit neuen Ideen und Methoden, aber auch mit einer reflektierten Perspektive die eigene Praxis als politische Bildner/-in oder Respekt Coach zu gestalten.

Max Berger hält Vortrag zur Neuen Rechten.
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Kai Stenull moderiert Kamingespräch mit Lennart Lafaire.
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Die Fachtagung fand im Rahmen des Projekts RespACT Vielfalt leben. Haltung zeigen" in Kooperation mit dem Schwerpunkt Jugendbeteiligung, Demokratie und Menschenrechte" und dem Heinrich Pesch Haus in Ludwigshafen statt.

Einladung

Wie rechtsextreme und rassistische Ideologien unser gesellschaftliches Miteinander weiterhin beeinflussen, haben nicht zuletzt Verschwörungsmythen und antisemitische Stereotype während der Coronapandemie wieder erschreckend in Erinnerung gerufen. Rechtsextreme Einstellungen gibt es nicht (mehr) nur an den Rändern der Gesellschaft, sondern auch in der Mitte. Sie stellen dadurch eine besondere Gefahr für unsere Demokratie und eine Herausforderung für die politische Bildung und Jugendsozialarbeit dar.

Doch welche Herausforderungen sind dies? Sind junge Menschen besonders gefährdet, sich rechtsextremen Gruppierungen anzuschließen oder ihnen im Netz zu folgen? In welchen Räumen werden junge Menschen mit rechtsextremem Gedankengut konfrontiert? Und mit welchen Angeboten können Fachkräfte dagegen wirken? Welche Erfahrungen machen Fachkräfte in der pädagogischen Arbeit? Zum Beispiel in der Schule als Respekt Coach, im Workshop in der Bildungsstätte oder in der Migrationsarbeit. Und wie können sie mit politischer Bildung oder auch konkreten Angeboten der sozialen Integration junge Menschen nachhaltig stärken?
Wir laden Sie herzlich ein, diese Fragen in Diskussionsrunden und praxisorientierten Workshops mit uns zu diskutieren!
Dr. Ann-Kristin Beinlich | AKSB
Max Berger | Heinrich Pesch Haus

30. bis 31. August 2022 am Heinrich Pesch Haus in Ludwigshafen

Programm

Dienstag, 30. August 2022

12:30 Uhr    Mittagessen
13:30 – 13:45 Uhr    Begrüßung
13:45 – 15:15 Uhr    Bedeutung von Rechtsextremismus für Jugendsozialarbeit und politischer Bildung
Vortrag von Prof. Dr. Birgit Jagusch
Institut für interkulturelle Bildung und Entwicklung, TH Köln
15:15 – 15:45 Uhr    Pause
15:45 – 17:15 Uhr    Die Neue Rechte. Inhalte, Ziele, Strategien
Impuls mit Workshopcharakter mit Max Berger
Heinrich Pesch Haus
Ca. 18:00 Uhr    Abendessen
19:00 Uhr    „Kamingespräch“
Rüdiger Stein (angefragt)
Deutscher Gewerkschaftsbund Region Pfalz

Mittwoch, 31. August 2022

9:00 – 10:30 Uhr    Workshops

WS 1: Rechtsextremismus auf dem Land und in der Stadt
Prof. Dr. Dierk Borstel
Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften, FH Dortmund

WS 2: Rechte Jugendkulturen an Schulen – Herausforderungen, Handlungsfelder, Lösungsperspektiven
Leroy Böthel
Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus, Arnsberg

WS 3: Ökologie von rechts – Rechtsextremismus und Naturschutz
Simon Krugmann
Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz
    
10:30 – 11:00 Uhr    Pause
11:00 – 12:30 Uhr    Workshop II
12:30 – 12:45 Uhr    Resümee und gemeinsamer Abschluss
12:45 – 13:30 Uhr    Mittagessen und Abreise


Anmeldung
Wir bitten um verbindliche Anmeldung bis zum 14. August 2022.
Mit der Anmeldung für die Tagung geht die Buchung einer Übernachtung im Tagungshotel einher. Die Kosten für die Übernachtung trägt die AKSB.
Die Tagung beginnt um 12:30 Uhr mit einem Mittagessen im Tagungshaus. Sollten Sie dies nicht in Anspruch nehmen wollen und mit der Begrüßung um 13:30 Uhr in die Tagung einsteigen, vermerken Sie dies bitte bei Ihrer Anmeldung.

Tagungsort
Heinrich Pesch Haus
Katholische Akademie Rhein-Neckar
Frankenthaler Straße 229
67059 Ludwigshafen/Rhein
Anfahrtsbeschreibung hier abrufbar: heinrich-pesch-haus.de/kontakt/

Kosten
Tagungs-, Fahrt- und Übernachtungskosten werden von der AKSB getragen.
Die Fahrtkosten auf der Basis 2. Klasse Deutsche Bahn, inkl. Zubringerfahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln, werden nach den Regeln des Bundesreisekostengesetzes von der AKSB zu 100 % erstattet. Basis für die Berechnung sind als Höchstbetrag die Kosten des „Veranstaltungstickets Flex“ 2. Klasse von 139 Euro (+ ggf. 4,50 Euro Reservierungsgebühr pro Fahrt). Bei Nutzung anderer Verkehrsmittel finden diese Regelungen analog Anwendung. Der Antrag auf Erstattung ist zusammen mit der Bahnfahrtkarte im Original spätestens bis vier Wochen nach Veranstaltungsende bei der AKSB-Geschäftsstelle schriftlich einzureichen. Weitere Informationen zum Veranstaltungsticket und zum Firmenkundenrabatt finden Sie in den AKSB-Tagungsbedingungen, die Sie nach der Online-Anmeldung erhalten.

Weitere Informationen    
Bitte informieren Sie sich im Vorfeld der Fachtagung über die zum Zeitpunkt der Tagung gültigen Corona-Richtlinien des Heinrich Pesch Hauses bzw. der Stadt Ludwigshafen.
Bei Fragen wenden Sie sich gerne an Dr. Ann-Kristin Beinlich (beinlich@aksb.de).

 

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Aktualisierung: 25. Oktober 2022