Mehr Demokratie zur Verteidigung der Demokratie

Zunehmender Populismus, Herausforderungen der Globalisierung, soziale Ungleichheiten sind nur einige der sichtbaren Bruchlinien innerhalb unserer demokratischen Gesellschaft. Von Zustand und Zukunft der liberalen Demokratie handelte die Jahrestagung.

Zwei Tage lang ging es auf der AKSB-Jahrestagung um die Zukunft der liberalen Demokratie. Eigentlich als Präsenzveranstaltung in der Akademie Klausenhof in Hamminkeln geplant, musste die Tagung kurzfristig in den digitalen Raum verlegt werden. Das hielt die rund 40 Teilnehmenden nicht davon ab, sich intensiv mit der freiheitlich-demokratischen Ordnung in Deutschland zu befassen – etwa, wie gefährdet unsere Demokratie und der gesellschaftliche Zusammenhalt tatsächlich und was die Ursachen sind, welche Gegenstrategien es gibt und welche Rolle der politischen Bildung in kirchlicher Trägerschaft zukommt. Rüdiger Paus-Burkard, Vorstandsmitglied der AKSB und Direktor der Akademie Klausenhof, spitzte die Fragen noch etwas zu: „Wir müssen uns nicht nur der Frage stellen, worauf wir uns einigen können, sondern auch: Wollen wir uns überhaupt noch einigen? Denn es braucht gar keine Populisten – wir schaffen es auch bei ganz normalen Dingen nicht mehr, uns zu einigen.“

Nichtsdestotrotz sah Prof. Dr. Michael Zürn von der Abteilung Global Governance am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und Professor für Internationale Beziehungen an der Freien Universität Berlin, im Aufstieg der Populisten einen bedeutenden Anteil daran, dass Demokratien zurückgehen. In seiner Bestandsaufnahme über den „Zustand der Demokratie im Zeitalter von Pandemie und Digitalität“ legte er auf der Tagung Gründe für den Aufstieg des autokratischen Populismus dar: Die politischen Parteien und gerade die autokratischen Populisten würden stark zu der Polarisierung beitragen. Das Auseinandertriften habe vieles mit dem politischen Diskurs zu tun, aber auch mit gesellschaftlichen Problemen. „Allerdings: Die vielbeklagte Polarisierung ist nicht das beste Mittel, um den Zustand der Gesellschaft zu beschreiben. Vielleicht ist die Gesellschaft gar nicht so stark zerfallen.“

Als mögliche Gegenstrategie schlug Zürn vor: „Vielleicht muss man Wege finden, damit umzugehen, ohne gleich mit einer Gegenposition oder Gegenradikalisierung zu antworten.“ Beschneidungen demokratischer Prinzipien seien auf jeden Fall der falsche Weg: „Die Demokratie weiter einzuschränken, führ zu ihrer Abschaffung. Die Verteidigung der Demokratie erfordert mehr Demokratie.“

Auch auf die Rolle der Schulen ging Zürn ein und verwies darauf, dass häufig ein Idealbild von Demokratie vermittelt werde. „Das funktioniert aber in der Weise nicht mehr. Vielleicht ist es wichtig, weniger Demokratie als Idealzustand, sondern eine größere Bereitschaft für eine Ambivalenz zu vermitteln.“ Zur Aufgabe der politischen Bildung befragt, waren zwei Punkte für Zürn klar: „Erstens ist politische Bildung zentral wichtig. Demokratie ist nicht etwas selbstverständliches, sondern Menschen müssen lernen, in einer Demokratie zu leben. Und zweitens muss das Curriculum an die Problemlagen angepasst werden, die wir heute in einer globalisierten Welt haben.“

Sowohl Junior-Professor Alexander Wohnig (Philosophische Fakultät der Universität Siegen) als auch Professor  Michael Görtler (Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg) stellten nicht nur die Demokratie, sondern vor allem die politische Bildungsarbeit zur Diskussion.

Görtler, Referent im Workshop „Populisten als neue Attraktion in der Demokratie: Wie sieht die Antwort der politischen Bildung aus?“, kritisierte, dass politische Bildung überfordert werde, denn es sei Aufgabe der Politik, Probleme zu lösen und politische Entscheidungen zu begründen. Ein weiterer Punkt: „Politische Bildung erreicht nur ein paar Prozent der Bevölkerung. Alleine durch politische Bildung können wir nicht die Demokratie retten.“ Zudem müsse angesichts der aktuellen Entwicklungen intensiv darüber nachgedacht werden, ob politische Bildung politisieren solle oder nicht.

In seinem Vortrag „Die Rolle politischer Bildung im Kontext von Demokratie und politischer Bildung“ stellte Wohnig die Frage: „Was, wenn nicht die Demokratie in der Krise ist, sondern auch die politische Bildung?“ Die Krise der politischen Bildung bestehe darin, dass sie präventiv arbeiten solle und Inhalte häufig entpolitisiert seien. Sein Vorschlag: „Politische Bildung sollte sich nicht auf den Präventionsduktus einlassen. Sie hat erstmal die Aufgabe, zu verstehen, warum es ein gewisses Problem gibt, ohne sich auf eine gesellschaftliche Lösung zurückzuziehen, aber auch, ohne sie abzuwerten.“ Außerdem verwies er darauf, dass in Interviews mit Schüler/-innen immer wieder deutlich werde, dass außerschulische Bildungsräume im Vergleich zur Schule „das Andere“ seien. „Sie stellen dort fest, dass Bildung auch anders stattfinden kann. Das sollten Anbieter der außerschulischen Bildung stärker betonen.“

Ähnlich sah es auch Dr. Regina Münderlein. Der Workshop „Braucht die liberale Demokratie Bildungseinrichtungen?“, in dem die Professorin an der Fakultät Soziales und Gesundheit der Hochschule Kempten als Referentin teilnahm, drehte sich um Räume und Orte des Lernens. Sie positionierte sich eindeutig: „Selbstverständlich brauchen wir Orte des Diskurses. Die Frage ist eher: Wie kann man dezidiert begründen und erreichen, dass diese Orte nicht in Frage gestellt werden?“

In einem anderen Workshop wurde die Frage vertieft, was den Menschen in der Krise stützt. Als Referentin dazu war Theologin und Politikwissenschaftlerin Carolin Hillenbrand geladen, die die Rolle von Kirche und Wohlfahrtsverbänden betrachtete. Ihr Fazit: „Die Kirche genießt weltweit nach wie vor das Vertrauen vieler Gläubigen, die gerade in unsicheren Zeiten nach Halt, Hoffnung und Gemeinschaft suchen. In Krisenzeiten greifen die Menschen oft auf ihre bisherige Erfahrungswelt zurück – auf das, was sie kennen und was sie in vergangenen Krisen getragen und begleitet hat.“ Die katholische Kirche könne aus der Krise eine Chance machen, ist Hillenbrand überzeugt: „Sie kann die vorhandene Sehnsucht nach Spiritualität und Gemeinschaft aufgreifen und kreative Angebote dafür entwickeln. Insbesondere kann sie neue Wege finden und Räume dafür schaffen, dass Menschen ganzheitliche Erfahrungen und Begegnungen machen – mit sich selbst, mit anderen, mit Gott.“ Die Workshop-Gruppe kam zu dem Schluss, dass dies auch für die außerschulische Bildungsarbeit in katholischer Trägerschaft gelte. Bildungsorte und Begegnungen seien wichtig, das müsse aber nicht der Kirche vorbehalten sein. Die AKSB könne zeigen, dass auch sie katholisch ist und vor diesem Hintergrund Begegnungen schaffen und gute Erfahrungen ermöglichen.

Ähnlich sah es der AKSB-Vorsitzende Gunter Geiger: „Demokratie lebt von Begegnungen, vom Austausch, von Diskussionen. Politische Bildung bietet dafür die besten Möglichkeiten. Wir wollen Menschen sprachfähig machen und sie dazu befähigen, Sachverhalte einschätzen und ihre Positionen vertreten zu können. Dazu bieten wir Begegnungsorte und hoffen, dass unsere Träger aus Kirche und Politik uns dabei unterstützen.“

Einladung

Mit dem Grundgesetz hat sich unser Staat für die freiheitlich-demokratische Ordnung seines gesamten gesellschaftlichen Lebens entschieden. Dazu gehört zentral die Verpflichtung zur Unantastbarkeit der Würde aller Menschen.
Zunehmender Populismus, die Herausforderungen der Globalisierung, Digitalität und soziale sowie politische Ungleichheiten scheinen nicht nur in Zeiten der Pandemie unsere liberale rechtsstaatliche Demokratie zu gefährden. Viele Bürgerinnen und Bürger fühlen sich durch die Parlamente auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene nicht mehr vertreten und haben das Vertrauen in politische Entscheidungen verloren.

Doch wie gefährdet sind unsere Demokratie und der gesellschaftliche Zusammenhalt tatsächlich? Was sind die Ursachen für diese Entwicklung und welche Gegenstrategien können entwickelt werden? Welche Rolle kommt dabei der politischen Bildung in kirchlicher Trägerschaft zu? Genügen die bisherigen Bildungsangebote und -formate, um einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und zum Erhalt der Grundlagen einer lebensfähigen liberalen Demokratie zu leisten? Sollte eine wertebewusste politische Bildung nicht stärker das Bewusstsein für Grund- und Menschenrechte als Bestandteil der freiheitlichen demokratischen Grundordnung in ihren Angeboten fördern?

Diese Fragestellungen wollen wir mit Expert/-innen aus der Wissenschaft und der Praxis politischer Bildung am 22. und 23. November 2021 diskutieren und gemeinsam mögliche Gegenstrategien herausarbeiten und entwickeln.

Aufgrund der Corona-Entwicklungen wird die Jahrestagung in den digitalen Raum verlegt.

Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme!

Das ausführliche Programm und alle Details zur Anmeldung stehen im Einladungsflyer bereit.

Referenten

Dr. Nora Gaupp

Dr. Nora Gaupp leitet die Fachgruppe „Lebenslagen und Lebensführung Jugendlicher“ am Deutschen Jugendinstitut in München. Sie hat Psychologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt studiert und darin auch promoviert.
Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind: Jugendforschung unter einer Diversitätsperspektive, Verselbständigungsprozesse Jugendlicher und junger Erwachsener, Erfahrungen und Lebenssituationen von queeren Jugendlichen, Aufwachsen und Alltagserfahrungen von jungen Menschen mit Behinderung.

Prof. Dr. Michael Görtler

Dr. Michael Görtler ist Professor für Soziale Arbeit mit Schwerpunkt politische Bildung an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg.

Carolin Hillenbrand

Carolin Hillenbrand hat Politikwissenschaft und Theologie in Mainz, Südafrika und Heidelberg studiert (M.A.) und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der WWU Münster. In ihrer Doktorarbeit untersucht sie die Rolle der Religion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt aus empirisch-vergleichender Perspektive. Darüber hinaus ist sie Gastwissenschaftlerin an der HU zu Berlin und am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) sowie Mitglied im nationalen Thementeam „Religion und nachhaltige Entwicklung“ des BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) und Co-Vorsitzende der interreligiösen Jugendbewegung "Coexister Germany e.V.".
Ihre Forschungsschwerpunkte sind Religionssoziologie, Religion und nachhaltige Entwicklung, politische Kultur-, Kohäsions- und Sozialkapitalforschung sowie Friedens- und Konfliktforschung.

Prof. Dr. Regina Münderlein

An der Hochschule Kempten lehrt und forscht sie u.a. zu Theorie-Praxis-Transfer in der Sozialen Arbeit, zur Kooperation von Jugendhilfe, Jugendarbeit und Schule sowie zu Demokratiepädagogik und Partizipation.

Sarah Thust

Sarah Thusthat Journalistik und Psychologie an der Universität Leipzig studiert. Danach arbeitete sie drei Jahre als freie Reporterin in Kambodscha, für Auftraggeber wie die Nachrichtenagentur DPA oder die englischsprachige Tageszeitung Phnom Penh Post. Ende 2013 ist sie nach Deutschland zurückgekehrt. Sie spezialisierte sich als freie Journalistin auf Faktenchecks und die arabischen Länder, unter anderem für T-Online und die DPA. Seit Juli 2020 arbeitet sie für CORRECTIV.Faktencheck.

Christian Wernicke

Christian Wernicke ist SZ-Korrespondent für Nordrhein-Westfalen. Der gebürtige Hamburger (Jahrgang 1959) absolvierte sein Volontariat bei der Neuen Rhein/Ruhr-Zeitung. Anschließend studierte er in Köln und in Pennsylvania/USA Volkswirtschaftslehre und Politische Wissenschaften. Für die Wochenzeitung Die Zeit war er nach dem Mauerfall 1989 "Wende-Korrespondent" in der Noch-DDR, danach als politischer Redakteur zuständig für Lateinamerika und Nord-Süd-Themen, seit 1996 dann Berichterstatter über EU-Europa und Nato in Brüssel. Dort wechselte er 2002 zur SZ. Im Jahr 2005 schickte ihn die Redaktion nach Washington, DC. Nach acht Jahren im Amerika von George W. Bush und Barack Obama wechselte der Vater zweier Kinder 2013 nach Paris, wo er als "Correspondant en France" elendig viel Terror, aber 2017 auch den jähen Aufstieg des Emmanuel Macron miterlebte.

Dr. Alexander Wohnig

Dr. Alexander Wohnig ist Juniorprofessor für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Philosophischen Fakultät der Universität Siegen. Er beschäftigt sich in Forschung und Lehre u.a. mit dem Verhältnis von politischer Bildung und Demokratiebildung sowie mit Kooperationen zwischen schulischer und außerschulischer politischer Bildung. Für den Bundesausschuss Politische Bildung hat er eine Expertise zur Bedeutung des 16. Kinder- und Jugenberichtes für die außerschulische politische Bildung verfasst.

Prof. Dr. Michael Zürn

Prof. Dr. Michael Zürn ist Direktor der Abteilung Global Governance am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin (WZB) und Professor für Internationale Beziehungen an der Freien Universität Berlin. Seit 2019 ist er Sprecher des von der DFG geförderten Exzellenzclusters „Contestations of  the Liberal Script“(SCRIPTS). Er war Mitbegründer und Vorstandsmitglied der Berlin Graduate School for Global and Transregional Studies (BGTS) und Gründungsrektor der Hertie School of Governance. Zudem ist er ordentliches Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Academia Europaea. 2021 war er als Thomas Mann Fellow im Thomas Mann Haus in Los Angeles und wurde mit dem Berliner Wissenschaftspreis des regierenden Bürgermeisters Berlin ausgezeichnet. In seiner Forschung widmet er sich insbesondere der Entstehung und Funktionsweise inter- und supranationaler Institutionen und Organisationen und deren Auswirkungen auf politische Ordnungen. Seine Veröffentlichungen befassen sich unter anderem mit der Legitimität und Effektivität internationaler Institutionen. Zuletzt ist Die demokratische Regression (mit Armin Schäfer, 2021) im Suhrkamp Verlag erschienen.


letzte Aktualisierung: 22. November 2021